Historisches zur LSE ...

... nein, die LSE war wirklich keine Schmalspurbahn! Nicht 1969 als sie den Weg so vieler Kleinbahnen ging - und auch nicht 1911 als der erste Zug mit 40 Stundenkilometern von Lüchow über Thurau und Witzeetze nach Schmarsau rollte. Man stelle sich einmal vor, welche Attraktion die Bahn heute wäre! Wie so oft wurden aber auch im Wendland und im Lemgow die Schienen nur allzu schnell "entsorgt"!

Aber, betrachten wir die Entstehung der Bahn einmal von Beginn an. Offiziell eröffnet wurde die 17,2 Kilometer lange, seinerzeit noch in Preußen gelegene, Strecke am 14. Dezember 1911 als "Kleinbahn Lüchow-Schmarsau GmbH" nachdem bereits am 16. April 1910 die Gründungsurkunde der Gesellschaft ausgestellt wurde. Die gesamte Gleislänge betrug, einschließlich der im Bahnhofsbereich verlegten Gleise, bis zur Betriebseinstellung 20,2 Kilometer. Obschon eine private Eisenbahn war sie stets im Besitz der öffentlichen Hand. Zunächst das Land Preußen, stellvertretend die Provinz Hannover und zuletzt der Landkreis Lüchow-Dannenberg waren alleinige oder anteilige Eigner.

Kreiskarte Lüchow - Dannenberg von 1938 1:100.000 / Ausgabe mit Nachträgen von 1951, © Niedersächsisches Landesvermessungsamt

Die bereits 1906 geplante Gründung einer "Lüchower Kreisbahn Gesellschaft mit begrenzter Haftung" war noch fehlgeschlagen. Die Gesellschaft hätte nicht nur die heute bekannte Streckenführung zum Ziel gehabt sondern u.a. den Weiterbau der Bahn über Schreyahn nach Bergen an der Dumme (rot). Diese Variante blieb ebenso Fiktion wie alle zukünftigen Erweiterungsprojekte. So unterblieben neben der erst nach der Betriebseröffnung diskutierten und weiter unten im Text beschriebenen "Arendseer-Variante" folgende Anbindungen an die Staatsbahn. Über Waddeweitz und Rosche nach Uelzen (blau), über Clenze nach Schnega oder Bergen an der Dumme (grün), sowie eine direkte Anbindung an Bevensen (orange).

Beilage zum Kursbuch, Handskizze Klaus-Dieter Tröger

Wie in der damaligen Zeit üblich verfügte die Kleinbahn über eine Vielzahl von Haltepunkten und Bahnhöfen. Dem Streckenverlauf entsprechend waren dies: Lüchow-Süd (Lüchow Kleinbahnhof), Loge, Woltersdorf, Oerenburg, Thurau, Lichtenberg, Puttball, Schweskau, Witzeetze (seit dem 16. März 1936 Groß Witzeetze, später dann Großwitzeetze), Bockleben und Schmarsau.

Der später geplante Weiterbau der Bahn nach Arendsee scheiterte an Problemen beim Erwerb der erforderlichen Flächen, der Weigerung Lüchower Kaufleute die eine Abwanderung der Kaufkraft in die Altmark befürchteten und nicht zuletzt am Ausbruch des 1. Weltkrieges. Das eine solche Verbindung in die Altmark durchaus sinnvoll und von der Entfernung auch ohne großen Aufwand machbar gewesen wäre zeigt die folgende Skizze. Lediglich der Lüchower Landgraben hätte durch eine Brücke überquert werden müssen. Vielleicht wäre es dennoch zum Bau dieser Verbindungsbahn gekommen wenn die Linie Salzwedel - Arendsee - Geestgottberg nicht erst im Jahr 1922 in Betrieb gegangen wäre. So hätte in Arendsee lediglich Anschluß über Klein Rossau nach Stendal und Osterburg auf den Strecken der Stendaler Kleinbahn AG und der Kleinbahn AG Osterburg - Deutsch Pretzier bestanden.

Handskizze Klaus-Dieter Tröger

Eine weitere vorgesehene Erweiterung war bereits in Sack und Tüten als die Pläne einer frühen Form des Umweltschutzes zum Opfer fielen. Ausgehend von Oerenburg sollte das etwa 15 Kilometer entfernt liegende Gartow erreicht werden. Die Strecke war bereits vermessen, da verweigerte der "gräfliche" Besitzer eines Waldstücks aus Sorge um den Baumbestand die Zustimmung. Für Gartow fatal, denn dort kam es auch später nie zu einem Bahnanschluß. (Sieht man einmal von der gräflich Bernstorff`schen Holzabfuhrbahn im Gartower Forst ab)

Beilage zum Kursbuch, Handskizze Klaus-Dieter Tröger

In Lüchow bestand Anschluß an die Staatsbahn in Richtung Dannenberg und weiter nach Uelzen und Lüneburg sowie bis 1945 nach Salzwedel über Wustrow.

Über Hochbauten verfügte die Bahn in Lüchow (1920 mit einem zweiten Stockwerk versehen), Woltersdorf, Oerenburg und Schmarsau sowie über einen Güterschuppen in Schweskau. Bis auf Lüchow-Süd waren alle Bahnhöfe und Haltepunkte als Agenturen ausgelegt. Der Verkauf der Fahrkarten erfolgte überwiegend in den Zügen, zuletzt mit damals sehr modernen AEG-Fahrscheindruckern. Ladegleise mit Rampe und Ladestraße waren in Loge, Woltersdorf, Oerenburg, Lichtenberg, Puttball, Schweskau, Witzeetze (später Groß Witzeetze), und Schmarsau vorhanden. Der Bahnhof Lüchow-Süd verfügte 1969 bei Betriebseinstellung noch über alle vier Anschlußgleise (Landwirtschaftliche Bezugs- und Absatzgenossenschaft, Harbot Landhandel, Schütte Brennstoffe, Holzhandlung Herbst) die auch noch bis 1997 im Anschlussverkehr bedient wurden und sah daher einen recht regen Güterverkehr.

Neben landwirtschaftlichen Erzeugnissen wurden in der Hauptsache Dünger, Holz und flüssige wie feste Brennstoffe - zumeist im Übergabeverkehr - bewegt. In den 1920er Jahren bis ca. 1933 wurde in Witzeetze Raseneisenerz abgebaut und mit einer Feldbahn zum 300m vor dem eigentlichen Bahnhof gelegenen Ladegleis gefahren.

Der mäßige Personenverkehr beschränkte sich fast ausschließlich auf Schülertransporte und einigen Berufsverkehr. Durchschnittlich nur 120 Fahrgäste täglich nutzten in den 1930er Jahren die Kleinbahn im Lemgow, eine Kostendeckung mit dampfbespannten Zügen war mithin nicht möglich. So war es nur folgerichtig, dass einer Empfehlung des Landskleinbahnamtes zur Umstellung auf Dieselbetrieb gefolgt wurde. Im so schicksalschweren Jahr 1933 traf in Lüchow der als SK 1 (Schienenkraftwagen) bezeichnete und noch heute im Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein erhaltene Wismarer Schienenomnibus ein. Die Züge der LSE erreichten, im Gegensatz zu der bei vielen anderen privaten Eisenbahnen geübten Praxis, allerdings nie den Staatsbahnhof Lüchow - die Reisenden hatten die wenigen Minuten zu Fuß zu bewältigen.

Den zweiten Weltkrieg hat die Bahn relativ unbeschadet überstanden, dennoch ruhte der Gesamtverkehr zwischen dem 15. April und dem 19. August 1945 (andere Quellen nennen auch den 31. Juli 1945). Die Nachkriegszeit bescherte der LSE in den Jahren des Mangels einen bisher nie erlebten Zuwachs an Fahrgästen. So wurden 1947 mit den inzwischen im Volksmund zum "Heringsexpress" avancierten Hamsterzügen mehr als 500.000 Personen befördert. Heringe waren damals ein beliebtes Tauschmittel und wurden von Hamburg über die damals noch grüne Grenze nach Salzwedel verbracht und hinterließen in den Wagen den entsprechenden Geruch. Bei diesen Beförderungszahlen ist es nicht verwunderlich, dass selbst offene Güterwagen zur Personenbeförderung herangezogen wurden.

25 Jahre Kleinbahn Lüchow-Schmarsau - der festlich geschmückte Kleinbahnhof Lüchow (Lüchow-Süd) im Jahr 1936 © vordem.de

Durch die zeitweise Stillegung der DB-Strecke Lüchow - Dannenberg war die Kleinbahn vom übrigen Schienennetz - zumindest im Personenverkehr - abgeschnitten. Zwischen dem 04. Juli 1960 und dem 23. August 1965 verkehrten zwischen beiden Städten Busse. Um diesen Mißstand zu beseitigen war zeitweise sogar eine Übernahme der DB-Strecke durch die LSE und die betriebsführende OHE in Planung. Die politische Entscheidung zum SPNV zurückzukehren machte diesen durchaus mutigen Schritt dann unnötig.

In der bahneigenen Werkstatt wurden bis zuletzt Lok-, Kessel- und Wagenuntersuchungen durchgeführt und natürlich bis zur Verdieselung bei den Dampfloks die Vorräte ergänzt. Vermutlich mit Hilfe eines Pulsometers versorgten sich die Dampfloks auf freier Strecke zwischen Groß Witzeetze und Schmarsau mit Speisewasser. Die hierfür eigens angelegte Wasserstelle war wegen des geringen Härtegrades beim Personal überaus beliebt.

Am 01. Januar 1950 legte das Unternehmen den Kleinbahnstatus ab und wurde in "Lüchow-Schmarsauer Eisenbahn - LSE" umbenannt.

Die Betriebsführung oblag zunächst der Bahn selbst, ab dem 01. April 1932 dem Landeskleinbahnamt Hannover und ab 1949 dem Niedersächsischen Landeseisenbahnamt (NLEA). Zum 01. Mai 1958 wurde des NLEA aufgelöst und als "Dezernat Eisenbahnen des niedersächsischen Landesverwaltungsamtes" dem niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft und Verkehr angegliedert. Nachdem auch dieses Dezernat zum 01. Oktober 1959 seine Tätigkeit einstellte, oblag die Betriebsführung bis zur Einstellung des Gesamtverkehrs am 31. März 1969 der Osthannoverschen Eisenbahnen AG in Celle. Bis zur Einstellung des Personenverkehrs wurden - abweichend von den bei der Betriebseröffnung vorhandenen Stationen - folgende Bahnhöfe, Haltepunkte und Bedarfshaltepunkte bedient: Lüchow-Süd, Woltersdorf, Oerenburg, Thurau, Lichtenberg (Kr. Dannenberg), Schweskau, Prezier, Großwitzeetze, Bockleben und Schmarsau (Lemgow).

Nach der Stillegung wurde der im Bahnhof Lüchow-Süd verbliebene Abschluß zur Deutschen Bundesbahn sowie zu den örtlichen Anschließern zunächst mit der Diesellok V261 (zur Zeit bei der Almetalbahn im Museumsbahnhof Almstedt-Segeste nicht betriebsfähig abgestellt), ab 1974 mit einem Zweiwege Unimog weiter bedient. Das Empfangsgebäude Lüchow-Süd wurde im April 2003 abgebrochen um einem Baumarkt Platz zu machen.

Bis zum 06. Oktober 2006 unterhielt die LSE als Eisenbahnverkehrsunternehmen des öffentlichen Rechts (EVU) und Inhaber einer Resteisenbahninfrastruktur das Übergabegleis zum DB-Bahnhof, heute Deutsche Regionaleisenbahn GmbH (DRE), in Lüchow. Die letzte Zulassung als EVU erfolgte am 26. Oktober 1995 für die Dauer von zunächst 15 Jahren. Der 99ste Geburtstag konnte also noch als "richtige Eisenbahn" gefeiert werden ...

Das Unternehmen "Lüchow-Schmarsauer Eisenbahn GmbH" besteht allerdings auch heute noch als "Gummibahn" und betreibt mehrere Buslinien im Schülerverkehr und auch über die Grenzen des Kreises hinaus.

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